Lehrformate Constance Richter
 
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Das Animations- und Interaktivitätsprinzip

Mit dynamischen Darstellungsformen erzielen die Lernenden nicht zwingend immer bessere Lernergebnisse. Die Kombination von Dynamik und Interaktivität ist aber durchaus vielversprechend.

Computeranimationen virtualisieren dynamische Prozesse und stellen Veränderungen über die Zeit dar (vgl. 3.2.1 Animationen, S. 54). Die Ergebnisse der Studien sind gemischt, teilweise kontrovers. In den letzten 50 Jahren konnten mehrere Studien weder belegen, dass dynamische Medien den Lernerfolg erhöhen noch verringern (vgl. Clark & Jorde, 1994; Dillon & Gabbard, 1998). Nach Mayer (2001) ist es nicht das Medium selbst, das den Lernerfolg beeinflusst, sondern vielmehr die Methode der Instruktion. Daher empfiehlt Betrancourt (2005), sich als Produzent multimedialer Lernumgebungen nicht die Frage zu stellen, ob eine dynamische oder interaktive Grafik besser als eine statische sei, sondern warum sie besser ist. Nach Betrancourt können Animationen in drei verschiedenen Situationen eingesetzt werden, um das Lernen zu unterstützen und zu verbessern:

  • Die Animation unterstützt die Visualisierung und den mentalen Repräsentationsprozess.
  • Die Animation löst einen kognitiven Konflikt aus.
  • Die Animation ermöglicht den Lernenden ein Phänomen zu erforschen oder zu untersuchen.

Betrancourt (ebd.) formuliert fünf Gestaltungsregeln für Instruktionsanimationen:

  • Einheitliches, schematisches Erscheinungsbild gestalten (apprehension principle). Das äußerliche Erscheinungsbild sollte mit dem grafischen Design der gesamten Lerneinheit eine Einheit bilden. Zusätzliche „kosmetische“ Elemente, die für das Verständnis nicht notwendig sind, sollten vermieden werden. Dreidimensionale Ansichten sollten zweidimensional dargestellt werden. Auch reichen schematische Darstellungen aus, um eine Funktion eines Systems zu visualisieren.
  • Übereinstimmungsprinzip (congruence principle). Animationen sollten konzeptuelle Veränderungen in einzelnen Schritten, entsprechend der Kausalitätskette zeigen. Beispielsweise in dem mechanischen Vorgang eines Ventils: Das Ventil öffnet und Wasser strömt ein. Hier wäre es lernwirksamer, zwei nacheinander folgende Animationsszenen zu erstellen und nicht beide Veränderungen in einer Szene darzustellen. So können die Lernenden eine funktionale zusammenhängende mentale Repräsentation konstruieren.
  • Interaktivitätsprinzip (interactivity principle). Dieses Prinzip gleicht dem HTML Interaktivitätsprinzip von Mayer. Lernende sollten in Animationen die einzelnen Abfolgeschritte steuern können. So entscheiden sie, wann sie einen Schritt verstanden bzw. verarbeitet haben und für den folgenden aufnahmebereit sind. Dafür muss die Animation in didaktisch sinnvolle Einheiten geteilt werden.
  • Aufmerksamkeit lenken (attention-guiding principle). Da Animationen von Natur aus flüchtig sind und oft mehrere Veränderungen zeitgleich stattfinden, muss die Aufmerksamkeit des Lernenden auf die wesentlichen Veränderungen gelenkt werden. Gerade Anfänger können selten zwischen relevanten und irrelevanten Veränderungen unterscheiden (Lowe, 2003).
    Die Aufmerksamkeit des Lernenden kann durch den Sprechertext gelenkt werden, aber auch durch Farbe, Pfeile, Kreise oder ähnliche HTML Signalisierungen.
  • Flexibilität gewähren (flexibility principle). Oft ist der Wissensstand der Lernenden unbekannt. Daher empfiehlt Betrancourt (2005) mehrere Startoptionen für die Animation zu integrieren. Zudem sollte vorab klar beschrieben werden, was die Animation zeigt, um Redundanzen (aus Sicht des Lernenden) zwischen statischen, dynamischen und interaktiven Darstellungsformen zu vermeiden.

Empirische Studien

Nicht immer sind dynamische Darstellungsformen lernförderlicher als statische, auch wenn sie zeitliche Änderungen visualisieren. Hegarty et al. (2003) gestalteten eine multimediale Lerneinheit über WC-Spülkästen. Die multimediale Version A beinhaltete dynamische und interaktive Elemente. Die Version B bestand lediglich aus drei statischen, schematischen Abbildungen der drei Phasen. Beide Probandengruppen sollten anschließend die Funktionsweise in eigene Worte fassen und Verstehensfragen beantworten. Zwischen den Lernergebnissen beider Probandengruppen konnten keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden. Rebetz et al. (2004) konnten allerdings mit ihrer Lerneinheit über geologische und astronomische Phänomene beweisen, dass die in Paaren Lernenden mit steuerbaren Animationen bessere Lernergebnisse erzielten als die mit einzelnen Screenshots.

Daher empfiehlt Betrancourt (2005), Animationen mit Interaktivität zu kombinieren. Studien haben gezeigt, dass Lernende nicht nur multimediale Lerneinheiten mit steuerbaren Animationen als motivierender einstuften, sondern auch tatsächlich besser in den anschließenden Transfertests abschlossen. Eine Lernsteigerung konnte schon bei minimalen Steuerelementen wie beispielsweise „Nächster Schritt“ festgestellt werden.

Letzte Änderung 11.06.2009