Lehrformate Constance Richter
 
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Das Selbsterklärungsprinzip

Menschen lernen besser, wenn sie ermutigt werden, während des Lernprozesses die Lerninhalte selbst zusammenzufassen und selbst zu erklären.

Eine Selbsterklärung ist ein gedanklicher Dialog eines Lernenden. Gerade beim Lernen an Hand herausgearbeiteter Beispiele helfen Selbsterklärungen das Beispiel selbst zu verstehen und eine mentale Repräsentation davon zu bilden (Clark, Nguyen & Sweller, 2006).

Selbsterklärungen ermöglichen ein tieferes Verständnis für komplexe Lerninhalte und gehören zu den konstruktiven Lerneraktivitäten. Sie geben den Lernenden die Möglichkeit, dass typische passive Lernverhalten beim computerbasierten Lernen in ein aktives Lernverhalten zu verwandeln (Renkl, 2005).

Die Lernenden werden aufgefordert, selbst aktiv zu werden und modellieren eigene Informationsstrukturen. Dabei interagiert der Lernende zwischen seiner eigenen Wissensstruktur und der des Lernsystems. Solche Lernprogramme weisen einen hohen Grad an intellektueller Interaktivität mit Hilfe von ‚kognitiven Medien‘ (cognitive tools). In kognitiven Landkarten beispielsweise kann der Lernende seine eigenen Gedanken projizieren, neue Perspektiven, Beziehungen und Relationen austesten und damit experimentieren (Issing, 1998).

Eine produktive Selbsterklärung führt zu einem Lernverständnis, das einerseits eine Bildung einer kompletten und fehlerfreien mentalen Repräsentation ermöglicht oder andererseits Missverständnisse identifiziert und korrigiert (Clark, Nguyen & Sweller, 2006). Wissenschaftler analysierten die Selbsterklärungen von Studierenden, indem sie sie aufforderten, das Gedachte laut auszusprechen. Dabei identifizierten sie drei Typen von produktiven Selbsterklärungen (Clark, Nguyen & Sweller, 2006, S. 228):

  • Überprüfen und korrigieren. Die Lernenden finden heraus, was sie in dem gezeigten Beispiel nicht verstehen und versuchen Unstimmigkeiten zu lösen.
  • Ausprobieren und prüfen. Der Lernende liest das Arbeitsbeispiel, welches die Lösungsschritte beinhaltet und versucht es durchzuarbeiten. Danach vergleicht der Lernende die eigenen Schritte mit denen im Beispiel gezeigten.
  • Schlussfolgern. Den Beispielen liegen Prinzipien zu Grunde oder sie bauen auf Vorwissen auf. Die Lernenden bauen neue Verknüpfungen auf, entweder zwischen einzelnen Aussagen innerhalb des Beispiels oder zwischen Aussagen im Beispiel und bereits vorhandenem Wissen.

Chi et al. (1989) und Renkl (1997) formulieren folgende unterschiedliche Selbsterklärungsaktivitäten (Renkl, 2005, S. 233):

  • Prinzipien erkennen (principle-based explanations). Der Lernende bekommt die Aufgabe, im Problemlöseprozess den einzelnen Operatoren eine Bedeutung zuzuweisen, indem er die zu Grunde liegenden Domainprinzipien identifiziert. Diese Art der Selbsterklärung fördert das Verstehen von grundlegenden Lösungsprozeduren.
  • Teilziele identifizieren (explication of goal-operator combinations). Der Lernende erkennt die Bedeutung der Operatoren, indem er die Teilziele, die durch die Operatoren erreicht werden, identifiziert. Dabei lernt er die Zielstruktur eines bestimmten Problemtyps durch Teilziele zu repräsentieren.
  • Beispiele miteinander vergleichen (example comparisons). Der Lernende vergleicht zwei verschiedene Beispiele miteinander und identifiziert Unterschiede und Ähnlichkeiten. Wenn zwei komplett verschiedene Beispiele einer Wissensdomain miteinander verglichen werden müssen, lernt der Lernende nicht nur die verschiedenen Problemtypen kennen, sondern auch zusätzlich die verschieden angewandte Problemlöseprozedur.
  • Annahmen begründen (anticipative reasoning). Der Lernende versucht den nächsten Problemlöseschritt zu identifizieren und vergleicht seine Annahme mit der vorgegebenen Lösung. Dabei lernt er, erste mentale Repräsentationen für das Problemlösen zu konstruieren und seine Annahmen zu überprüfen, die ggf. korrigiert werden müssen.

Nach Renkl (2006) sollten Selbsterklärungen mit instruierenden Erklärungen kombiniert werden. Wenn der Lernende beispielsweise nicht den nächsten Problemlöseschritt selbst identifizieren kann oder seine Annahmen inkorrekt sind, kann er mit Instruktionen unterstützt werden und so sein Lernziel erreichen. Diese Instruktionen sollten auf den jeweiligen Lernprozess zeitlich abgestimmt sein und den Lernenden bei der Wissenskonstruktion unterstützen (provision on learner demand). Diese Instruktionen sollten kurz und knapp formuliert werden. Oft werden Hilfen in computerbasierten Lernprogrammen von den Lernenden genutzt, da sie zu lang, umfangreich und redundant sind. Der Lernende sollte genau dann die Instruktion erhalten, wenn er sie benötigt oder in Folge seiner beispielsweise fehlerhaften Angaben (minimalism).

Empirische Studien

Chi et al. (1989) konnten mit Ihren Studien belegen, dass Lernende, die mehr Selbsterklärungen produzierten, auch mehr und besser lernten. Sie ließen die Lernenden Physikbeispiele studieren und fanden dabei heraus, dass die besseren Lernenden durchschnittlich 15,5 Selbsterklärungen pro Beispiel generierten und die schlechteren lediglich 2,75. Renkl et al. (1998) fanden in ihren Studien heraus, dass Lernende produktive Selbsterklärungen erlernen können. Bankauszubildende erhielten ausgearbeitete Arbeitsbeispiele zur Berechnung von Verzinsung. Eine Gruppe B erhielt zusätzlich vorab ein Training, wie sie effektive Selbsterklärungen generieren können. Beide Gruppen sollten ihre Gedanken laut aussprechen, während sie die Arbeitsbeispiele studierten. Die Selbsterklärungen der Gruppe B waren zahlreicher und qualitativ hochwertiger als die der Gruppe A, die nicht am Training für effektiver Selbsterklärungen teilnahm. Ebenso schlossen die Lernenden der vorab trainierten Gruppe B im Transfertest besser ab und erzielten somit bessere Lernergebnisse.

Letzte Änderung 11.06.2009